Dharavi

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Der Tata hält mit quietschenden Bremsen an, Sharukh und ich springen aus dem Auto. Die feuchtheisse Luft und der beissende Gestank nehmen mir fast den Atem. Geschickt windet sich Sharukh durch die Masse der hupenden, heftig abbremsenden und röhrend wieder anfahrenden Autos, Busse und Mopeds. Ich sehe zu, dass ich dicht an ihm dran bleibe. Alleine würde ich die Strasse im Leben nicht heil überqueren. Und dann stehen wir vor einer kleinen, dunklen Gasse zwischen windschiefen Hütten aus Lumpen und Wellblech – dem Eingang nach Dharavi. Im Kopf gehe ich noch einmal die Infos durch, die Sharukh mir während der Fahrt gegeben hat. 1 Million Menschen, die auf knapp 2 Quadratkilometern leben, der grösste Slum Asiens. Aber gleichzeitg auch eine florierende Industrie – über 650 Millionen Dollar versteuerte Einnahmen werden jedes Jahr in Dharavi von tausenden Kleinbetrieben erwirtschaftet. Und genau diese will Sharukh mir als erstes zeigen. Wir beginnen im sogenannten Commercial District.

Bereits nach wenigen Metern ist der Durchgang gerade noch so breit, dass ein erwachsener Mensch hindurch passt. Die zweistöckigen Huetten scheinen sich nach oben hin aneinander zu neigen, der Himmel verschwindet und es wird dunkel. Es riecht – nach zu vielen Menschen auf zu engem Raum, nach Unrat und fauligem Wasser. Und über alles legt sich ein beissender Geruch von geschmolzenem Plastik. Der Grund zeigt sich nach wenigen Schritten. Eine schmale Türöffnung, dahinter ein etwa 20 qm grosser Raum. Drinnen ist es fast pechschwarz. Nachdem meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt haben, sehe ich die Maschinen und die, die sich um sie drängen. Hier und in den angrenzenden Werkstaetten wird der Plastikmüll der Millionen-Metropole, gesammelt und geliefert von den sogenannten Rat-People, die die Muülberge und Strassenränder mit ihren grossen Sammelsäcken durchstreifen, sortiert, farbig geordnet, geshreddert, geschmolzen und anschließend zu kleinen Pellets gepresst. Das Endprodukt wird weltweit an plastikverarbeitende Betriebe verkauft und findet sich in unserem heimischen Kaufhaus wieder. Als Fernsehergehäuse, Spielzeug und Tuppadosen.

Die Arbeitsbedingungen sind extrem. In den Werkstätten stehen die toxischen Dämpfe und die ohnehin tropische Hitze wird von den Maschinen aufs unerträgliche aufgeheizt. Die Männer, die aus den ärmsten Regionen Indiens kommen, arbeiten und leben in diesen Höhlen aus Hitze, Lärm und Gestank. Eine Unterkunft in der sogenannten Residential Area des Slums können sie sich nicht leisten und so wohnen und schlafen sie hier auf dem nackten Boden. 10 Mann und mehr auf und unter ihren Arbeitsplätzen.

Es ist früher Morgen und die Männer sind gerade aufgewacht. Viele von ihnen stehen nur mit einem Tuch bekleidet in der schlammigen Gasse, schöpfen Wasser aus grossen Fässern, die an einigen Stunden pro Tag an den öffentlichen Wasserhähnen aufgefüllt werden können, putzen sich die Zähne, rasieren sich. Dazwischen balgen sich ein paar kleine Strassenhunde, ein Mann breitet auf einer schmutzigen Plane einige faulige Kartoffeln zum Verkauf aus, ein anderer öffnet seinen Friseursalon, bestend aus einem schiefen Stuhl, einem halblinden Spiegel und einem Rasiermesser.

Sharukh ist inzwischen vor einer Leiter stehen geblieben, die auf eines der Wellblechdaecher führt. Misstrauisch betrachte ich die windschiefe Holzleiter und das wenig Vertrauen erweckende Hüttendach bevor ich ihm folge. „Watch your head“, warnt er mich gerade noch rechtzeitig bevor ich mich fast in einem Strang aus gut 20 Stromkabeln verfange, die hier lose von Dach zu Dach gespannt sind. Wir klettern auf einige gestapelte Säcke mit Plastikmüll, die Dächer werden wegen des Platzmangels als Lagerflächen verwendet, und haben von hier aus einen hervorragenden Rundumblick über das ganze Areal. Hüttendaecher soweit das Auge reicht, die Gassen dazwischen sind nicht auszumachen, so eng stehen sie. Dazwischen einige verkommene Hochhäuser und ein paar strahlend neue Gebäude. Die Häuser wurden von privaten Investoren gebaut. Da gut die Hälfte der Mumbaier Bevölkerung in Slums wohnt, wurde ein Grossteil davon mittlerweile legalisiert, d.h. die Menschen haben ein Bleiberecht. Gleichzeitig ist der Grund und Boden auf dem Dharavi liegt, mitten zwischen zwei wichtigen Bahnlinien und direkt im Herzen einer aus allen Nähten platzenden Metropole, unglaublich wertvoll. Das Areal wird daher stückchenweise an Investoren verkauft. Diese kommen ihren Auflagen nach, indem sie für die Bewohner simple soziale Wohnungsbauten bauen und gleich daneben gehobenen Wohnraum für die aufstrebende Mittelklasse. Die Slumbewohner sind an dem subventionierten Wohnraum jedoch nicht interessiert. Eine Werkstatt im fünften Stock eines Hochhauses macht wenig Sinn. Also nehmen sie die übereigneten Sozialwohnungen, vermieten diese an andere Mumbaier und mieten eine neue Slumhütte im direkter Nachbarschaft.

Über eine breite Geschäftsstrasse, die von kleinen Laeden und Verkaufsstaenden gesäumt ist, wechseln Sharukh und ich in die Wohnviertel von Dharavi. Die Menschen hier arbeiten meist ausserhalb des Slums, als Zimmermädchen, Köche, Sicherheitspersonal – aber auch als Lehrer und Polizisten. Ein kleiner Raum von 10 Quadratmetern, in dem eine fünfköpfige Familie unterkommt, kostet fast soviel Miete wie diese Menschen mit ihrer Arbeit verdienen. Hatte ich hier eine Verbesserung der Zustände erwartet, so habe ich mich getäuscht. Die Gassen sind noch enger, man kann sie nur noch seitwärts passieren, es ist fast stockfinster. Der Boden ist mit einer schleimigen Schicht überzogen. Unter losen Betonplatten fließen die Abwässer, die aus den Häusern gekippt werden. Kleine Kinder erleichtern sich direkt zwischen die Steinplatten in die darunter fließende Kloake, der Geruch nach menschlichen Exkrementen wird immer extremer. Schließlich öffnet sich die Gasse auf einen kleinen Platz und ich sehe den Grund des Gestanks. Vor uns befindet sich eines der wenigen, kostenpflichtigen Toilettenhäuser. Davor ein Müllhaufen, den Kinder und Tiere gleichermaßen als Latrine benutzen. Noch einige Schritte weiter und wir stehen an einem kleinen Fluß der den Slum durchfließt und seine Hinterlassenschaften Richtung Meer transportiert. Mitten in der infernalisch stinkenden, braunen Brühe watet bis zu den Hüften ein Mann mit einem Sack, ein „Rat People“ wie sie hier genannt werden, der auch in diesen letzten Resten menschlicher Abfälle noch nach Wiederverwertbarem sucht.

„Wie der Reality Check bei mir angekommen sei?“, erkundigt Sharukh sich grinsend. Sharukh ist 17 Jahre alt und hier in Dharavi aufgewachsen. Er geht noch zur Schule und verdient sich bei einer lokalen NGO als Guide für Journalisten und Kamerateams, aber auch für alle anderen interessierten, ein Taschengeld. Ausserdem kann er am Community Projekt der Hilfsorganisation, die junge Slumbewohner an Computern, in Englisch und Soft Skills schult und außerdem einen Kindergarten und -betreuung unterhält, teilnehmen.

Und dann zeigt er mir „sein“ Dharavi. Denn der Slum hat, neben all dem Elend und Dreck den der Besucher zunächst sieht, auch eine andere Seite. Es ist eine enge Gemeinschaft, in der die Menschen sich freundlich und hilfsbereit begegnen. Viele Slumbewohner, die es sich längst leisten könnten wegzuziehen, bleiben in Dharavi – weil sie sich hier heimisch fühlen. Das ganze Areal ist von einer fleissigen Betriebsamkeit erfüllt, die so gar nicht zu den Vorstellungen eines Elendsviertels passt. Und genau das möchten Sharukh und die anderen Guides mit ihren Touren zeigen. Die Menschen von Dharavi sind zutiefst beeindruckend. Ihre Freundlichkeit und offene Grundhaltung ist aussergewöhnlich. Überall werde ich freundlich und höflich begrüsst. Die Menschen wollen mich anfassen, drücken mir ihre Kinder in den Arm und versuchen ein kleines Gespräch. Der ganze Slum vibriert in emsigen Fleiss. Frauen waschen Wäsche, fegen ihre Hütten, backen Papadam, die später an Restaurants und Hotels verkauft werden. Die Männer gehen ausnahmslos einer Arbeit nach. Verlassen früh morgens das Areal, um zu ihren Jobs zu fahren oder arbeiten in den Werkstätten und Betrieben des Slums. Kinder jagen sich fröhlich durch die Gassen, die meisten von ihnen in Schuluniform. Nachbarn halten einen kleinen Plausch, junge Männer scherzen mit den rotzfrechen Straßenjungen. Noch nie habe ich Menschen gesehen, die auf Grund ihrer Lebensumstände mehr Grund hätten in Agonie und Hoffnungslosigkeit zu verfallen – und die dabei so aufrecht und voller Zuversicht und Fleiß daran arbeiten, jeden Tag ein kleines bisschen mehr zu überleben. Das alles darf selbstverständlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass in einer Stadt, in der Menschen das teuerste Wohnhaus der Welt bauen, eine Armada von livriertem Personal einige wenige Hunderte rund um die Uhr bedient, Öl- und Gasmagnaten ein Leben in Saus und Braus, zwischen Country-Club, Yacht und Strandvilla führen, während vor ihrer Haustür Menschen an Hunger, Cholera und Malaria sterben, die Schere zwischen Arm und Reich schier unerträglich ist. Indien sucht mit aller Macht seinen Platz an der ökonomischen Weltspitze. Die Mehrheit der Bevölkerung bleibt dabei bisher auf der Strecke.

(Die Fotos zeigen Dharavi nur von außen. Aus Respekt vor den Bewohnern sind Kameras im Slum nur in Ausnahmefällen erlaubt.)

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